Doku: Fieberkurve einer Wahl in Afrika
Wir begleiten in einer wöchentlichen Reportage die nächsten 5 Monate bis zu der seit 2005 immer wieder verschobenen Präsidentschaftswahl in Côte d’Ivoire: ein spannendes Projekt zum besseren Verständnis der Nöte Afrikas bei der Demokratiefindung. (Teil 1: Der Rückblick)
Nun ist es zum dritten und – wie versichert wird – zum allerletzten Mal amtlich: die Präsidentschaftswahlen im westafrikanischen Staat Côte d’Ivoire sollen endgültig Ende November 2009 stattfinden. Die ivoirische Krise hat die afrikanische und internationale Politik seit Jahren oft in Atem gehalten. Steht jetzt ihre Lösung oder eine neue Zuspitzung bevor? Beides wird die Zukunft der gesamten Region entscheidend prägen. Wir werden über 20 Wochen die Entwicklung in die eine oder andere Richtung beobachten.
Rückblick auf Abidjan im Oktober 2003, ein Jahr nach dem Patt beim Putsch:
Unverminderte Lebenslust
Die Rue Princesse im Stadtteil Yopougon von Abidjan ist weltweit einzigartig. Hier reiht sich ein ‘Maquis’ an den anderen. Für den Europäer definiert Klett’s französisch-deutsches Großwörterbuch den maquis als korsischen Buschwald oder als französische Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg. Letzteres kommt seiner Bedeutung in der Côte d’Ivoire schon nahe. Hier war und ist er nämlich täglicher Treffpunkt einer nimmermüden jugendlichen Widerstandbewegung gegen die triste politische Realität im Lande.
Während der monatelangen Ausgangssperren nach dem Putsch durfte sich die Lebenslust in den Maquis nur tagsüber, später dann auch in den frühen Abendstunden ausleben. Jetzt aber war wieder Nightlife bis in die frühen und am Wochenende auch späten Morgenstunden angesagt.
Unversöhnliche Versöhnungspolitik
Währenddessen repetierten die von der ehemaligen französischen Kolonialmacht Frankreich nach dem gescheiterten Putsch 2002 erst zum Nachsitzen in Linas-Marcoussis bei Paris und dann zur zähneknirschenden Versöhnung in einer Regierungs-Mischehe zwischen Loyalisten und Rebellen verurteilten Politiker ewig die gleichen Themen, deren wichtigstes hieß: “Darf ADO bei den nächsten Präsidentschaftswahlen kandidieren, obwohl seine Gegner ihm die “Ivoirität” bestreiten? ADO ist Alassane Dramane Ouattara, der bedeutendste und beliebteste Oppositionspolitiker der Elfenbeinküste, und was die “Ivoirität” bedeutet, ist selbst für ihre Erfinder ganz schön schwer zu erklären: die eher lebensfremde Definition einer ivoirischen Staatsangehörigkeit, die mangels über Generationen ererbter Staatszugehörigkeit ziemlich fragwürdig ist und zudem von Anbeginn als ‘lex Ouattara’ diskriminiert war, weil ihre Kriterien recht eindeutig auf dessen Ausschluss vom passiven Wahlrecht zugeschnitten wurden. Dieser Ouattara, der trotz der ihm bestrittenen Ivoirität immerhin schon einmal Ministerpräsident der Côte d’Ivoire unter ihrem ersten legendären Präsidenten Houphouët-Boigny war, ist bis heute vor allem der Favorit der kleinen Leute.
Was die Rebellen im September 2002 außer der Macht und dem Sturz des Präsidenten wirklich wollten, weiß bis heute immer noch niemand so recht. Wahrscheinlich wirklich nur eine andere Gewichtung der real existierenden, auch ethnisch bestimmten Machtverhältnisse. Sie hatten das einen Kampf um mehr Gerechtigkeit im Lande genannt und daran wohl auch geglaubt. Aber sie hatten nie ein überzeugendes Gegenkonzept gehabt, kein Regierungsprogramm und schon gar keine Regierungsmannschaft, nicht einmal eine Führungspersönlichkeit, der man das Präsidentenamt hätte zutrauen wollen und können. Vielleicht hat Ouattara ja mit der Rebellion sympathisiert oder gar mehr, gesagt hat er es nie, und sich zur Verfügung gestellt auch nicht.
Unsichere Zukunft
Wohin, fragten wir uns also im Oktober 2003, steuert die Elfenbeinküste, die in ihren frühen Jahren das Wirtschaftswunderland und eine Stabilitätsoase Westafrikas war und deren Metropole Abidjan noch heute viel vom Stolz und Flair eines afrikanischen Paris hat? Sie wurde jedenfalls weder gesteuert noch regiert.
In Abidjan horteten die noch immer Wohlhabenden ihr Geld und sicherten ihre Häuser besser als zuvor, und die Armen verloren den Elan, sich nach oben zu kämpfen.
“Abidjan est gaté”, “Abidjan ist kaputt”, textete einer der afrikanischen Sänger, nach deren Songs in den Maquis getanzt wurde. Das stimmte natürlich noch lange nicht, aber gelähmt war Abidjan durchaus. In der Gerüchteküche der Metropole spekulierte alle Welt täglich über den nächsten Putsch. Da hieß es, man habe ein großes Sprengstoffpaket gefunden unter einer der beiden großen Brücken über die Lagune, die Hauptverkehrsadern der Millionenstadt sind. Zur gleichen Zeit wurde einer der Rebellenführer, der Sergeant Chef Ibrahim Coulibaly, besser bekannt unter seinem Guerilla-Pseudonym “IB”, im Pariser Exil von der französischen Staatssicherheit unter dem Verdacht verhaftet, die Ermordung des ivoirischen Präsidenten und mit Söldnern einen neuen Staatsstreich in der Elfenbeinküste geplant und vorbereitet zu haben.
Im gesamten Stadtgebiet gab es damals gut ein Dutzend fest etablierter barrages, Straßensperren der Polizei, der Gendarmerie oder des Militärs plus jede Menge zusätzlicher Kontrollen am Straßenrand, die meist mit der unverblümten Bitte um einen Beitrag zum Lebensunterhalt des Kontrollierenden endeten. Die Republik schützte und alimentierte sich so gut sie konnte. Und die nächtlichen Heimkehrer aus den Maquis der Rue Princesse machten in ihren von den Kontrollen besonders heftig heimgesuchten Taxis gute Miene zum Gewinnspiel der Uniformierten, zeigten ihre Ausweise, um deren Gültigkeit es soviel Streit gab und hofften auf den Präsidenten, auf ADO oder auf Gott. Auf die Wiederkehr der Rebellen hoffte so gut wie keiner. In Abidjan hatten sie ohnehin nie ein großes Publikum.











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