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Die Affäre Kieffer: Erblasten eines Politkrimis

24. April 2009 [ Kein Kommentar ]

Am 16. April 2004, wenige Monate vor dem Höhepunkt der Krise zwischen Frankreich und seiner ehemaligen Kolonie Côte d’Ivoire, verschwand der Franco-kanadische Investigations-Journalist Guy André Kieffer vom Parkplatz eines Einkaufszentrums in Abidjan. Er wurde wahrscheinlich entführt und ermordet, seine Leiche jedoch nie gefunden. Diese Woche traf der mit der Sache befasste französische Untersuchungsrichter Patrick Ramaël in Abidjan ein, um als Zeugin die politisch einflussreiche Frau des ivoirischen Präsidenten, Simone Gbagbo, zu hören. Ihr Schwager ist die schillerndste Figur in diesem unaufgeklärten Politkrimi.

Die Fakten sind klar, doch nach jetzt bereits fünf Jahren noch immer spärlich: Guy André Kieffer, ehemaliger Mitarbeiter der französischen Wirtschaftszeitung La Tribune, kommt im Januar 2002 nach Côte d’Ivoire, schreibt vor allem für das französische Blatt La Lettre du Continent, aber auch unter Pseudonym für lokale Zeitungen in Abidjan. Er widmet sich dabei immer engagierter den undurchsichtigen Verfilzungen von Geld, Macht und Politik in der Kakao-Wirtschaft des weltgrößten Kakao-Produzenten. Es steht außer Frage, dass sein Verschwinden mit diesen Nachforschungen zu tun hat. In der Gerüchteküche Abidjans wird der Fall denn auch schnell mit den so genannten escadrons de la mort, den Todesschwadronen, in Verbindung gebracht, die damals nach spektakulären Ermordungen mehrerer prominenter Oppositioneller fast täglich Schlagzeilen machen. Auch die französische Justiz setzt sich nach einer Klage von Kieffers aus Afrika stammender Frau Osange Silou wohl sehr schnell auf diese Fährte.

Kieffer war auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums PRIMA, einem sehr beliebten Treffpunkt in Abidjan, mit dem ihm seit langem bekannten, vielleicht sogar befreundeten Schwager von Madame Gbagbo, Michel Legré, verabredet. Anfang Mai wird der Wagen Kieffers auf dem Parkplatz des Fughafens von Abidjan gefunden. Legré wird etwa einen Monat später in Abidjan verhaftet. Er wird verdächtigt, Kieffer in die Falle gelockt zu haben. Einem Ersuchen Frankreichs um seine Überstellung für drei Monate im Rahmen der Ermittlungen entspricht die ivoirische Regierung jedoch nicht.

Legré soll in zwei ersten Vernehmungen durch den nach Abidjan gereisten französischen Untersuchungsrichter Patrick Ramaël zunächst konkret die Namen mehrerer an der Entführung und Ermordung Kieffers Beteiligter genannt haben. Es scheint erwiesen, dass er den Wagen Kieffers zum Flughafen gefahren hat. Er war auch im Besitz von Kieffers Computer, der offensichtlich noch nach dem 16. April benutzt, also wohl durchsucht worden war. Legré widerruft seine ersten Aussagen später und wird nach 1 1/2 Jahren aus der Haft entlassen, ohne dass ihm je der Prozess gemacht wurde. Warum, muss man sich fragen. Er soll unter Hausarrest stehen. Nach einem Bericht von “Reporter ohne Grenzen” kann er sich jedoch in und auch außer Landes frei bewegen.

Ein weiterer Verdächtiger, Jean-Tony Oulaï, nach eigener Aussage Ex-Capitaine der ivoirischen Armee, sitzt seit Januar 2006 in Frankreich in Untersuchungshaft. Er soll, vor allem nach Aussage seines damaligen Chauffeurs Méité Seydou alias Berthé Seydou das Entführungskommando befehligt haben. Seit dem 22. Juli 2007 kann Untersuchungsrichter Ramaël auch über die Akten des französischen Außenministeriums zum Fall verfügen, die bis dahin unter Verschluss waren. Ramaël bearbeitet das Dossier mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit, die manche, denen er dabei zu nahe tritt, gern auch mal Besessenheit nennen. Die Familie Kieffers, vor allem seine Frau und sein Bruder, Reporter ohne Grenzen und andere Menschenrechtsorganisationen haben nie aufgehört, eine Aufklärung zu fordern, zuletzt wieder jetzt am 5. Jahrestag des Verschwindens von Kieffer in diesem Monat.

Am 22. August 2007 empfing Präsident Sarkozy, der den Fall von seinem Vorgänge Chirac “geerbt” hat, die Familie Kieffers und versichert ihr, Frankreich werde alles tun, um den untersuchenden Richtern ihre Arbeit zu erleichtern. Die Affäre Kieffer ist jedenfalls ein starker Störfaktor bei der von beiden Seiten inzwischen angebahnten und gewünschten Normalisierung der Beziehungen zwischen Côte d’Ivoire und seiner einstigen Kolonialmacht. Die Zeitung L’intelligent d’Abidjan vermutet andererseits, Paris wolle die spektakuläre Einvernahme der Ersten Dame von Côte d’Ivoire zum jetzigen Zeitpunkt dazu benutzen, das Präsidentenpaar unter Druck zu setzen, nun endlich Fortschritte bei den seit 2005 immer wieder verschobenen Präsidentschaftswahlen zu machen.

Welche konkreten Fragen Untersuchungsrichter Ramaël und seine Kollegen an Madame Gbagbo und übrigens auch an den heutigen Staatsminister und damaligen Finanzminister Paul-Antoine Bohoun Bouabré gestellt haben, ist nicht bekannt. Die französische Justiz versichert zwar, das Präsidentenpaar werde keineswegs in irgendeiner Weise verdächtigt, in den Fall verwickelt zu sein, aber allein die Tatsache, dass Michel Legré ein Schwager von Madame Gbagbo ist, kann die beharrliche Neugier des französischen Magistraten wohl nicht erklären. Dann könnte er genau so gut sämtliche übrigen Verwandten von Legré einvernehmen, meint Fraternité Matin, die regierungsnahe größte Zeitung in Abidjan. Und solch objektiv gewiss richtige Argumentation erlaubt auch ganz unterschiedliche Rückschlüsse auf die Motivation von Richter Ramaël.

Die ivoirischen und französischen Anwälte von Madame Gbagbo und Staatsminister Bohoun Bouabré  erklärten übereinstimmend in einer Pressekonferenz unmittelbar nach der Befragung, diese habe nicht den geringsten Hinweis auf eine Verbindung beider mit dem Fall erbracht. Sie seien im übrigen erstaunt über die offenkundige “Leere” des Dossiers.

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Autor/in: Hans-Georg Toeche-Mittler Abo: RSS-Feed | Mehr...


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